#11 Ectasy and Form

Die letzten drei Wochen habe ich weitergearbeitet mit Ansätzen aus der Ido Portal und Animal Flow Methode (siehe #10 Animal Flow) , habe jedoch vermehrt Ansätze aus dem zeitgenössischen Tanztraining mit einfliessen lassen. Mich interessiert, wie ich diese muskulären, kontrollierten, fokussierten Workout Bewegungen mit Release Technik, Schwerkraft und fluider Bewegungsqualität paaren kann.

Im Tanz findet man oft entweder einen sehr formorientierten Ansatz. Im Ballet, im Tango oder auch im klassisch indischen Tanz hatte ich noch gelernt, dass man in jedem Augenblick ein Foto machen könnte, und es gut aussehen sollte. Im Gegensatz dazu stehen Ansätze, die eine Art Trance anstreben, etwa an Rave Parties, in der Trance Dance oder teilweise in der Gaga Methode von dem israelischen Choreograph Ohad Naharin. Das Antidote zu Kontrolle und Form ist also etwas Fliessendes, Ekstatisches. Was, wenn diese beiden Ansätze nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern beides vereint ist? Das ist der Sweetspot, den ich im Tanz so sehr liebe und den wir in den Tanztrainings von Chris Lechner suchen.

Hier geht’s zu den Videos:

#10 Animal Flow

Als Reaktion auf die ausfallenden Tanztrainings, Proben und Performances habe ich mir für dieses Jahr ein regelmässiges Workout vorgenommen. Dieses besteht abwechslungsweise aus einem aufbauenden Intervall Joggen und aus Animal Flow Übungen, die wiederum Teil des Repertoires von Ido Portal sind. 

Ido Portal ist Star- Coach und gehypter Bewegungs-Guru der Fitnesswelt. Seine Methode ist eine körperliche Fitness-Praxis, die das eigene Körpergewicht und die eigenen Bewegungen nutzt statt externe Gewichte und Maschinen, um Kraft, Beweglichkeit und Flexibilität zu entwickeln. Der Ansatz ist von Ido Portals langjährigen Capoeira Praxis geprägt, schöpft jedoch aus allen möglichen Bewegungslehren, von unterschiedlichen Kampfsportarten über Akrobatik, Yoga, Parkour bis hin zu Tanz.  Bekannt wurde Ido Portal 2015, als er den Mixed-Martial-Arts-Fighter Conor McGregor, mittlerweile ein Weltstar, auf dessen WM-Kampf im Federgewicht vorbereitete. Er ließ ihn wie eine Eidechse über Mattenböden kriechen und Spielkarten im Flug auffangen. McGregor gewann seinen Kampf durch K. o. nach 13 Sekunden in der ersten Runde. Wer wissen will, was man von Affen und Kindern lernen kann, und warum Neugier der bessere Leitfaden für das Leben ist als Spass, sollte dieses Interview mit Ido Portal lesen.

Seit über einem Monat bin ich nun schon dran – zu meiner grossen Freude seit einer Woche nicht mehr alleine, sondern zusammen mit meiner Tanzpartnerin Nadine Lüthi. Der Ansatz von Animal Flow knüpft nämlich direkt an unser letztes Stück an (siehe #8 Out of water). Dort gingen wir davon aus, dass der Mensch evolutionär betrachtet noch nicht wirklich in seinem Zweifüssler – Dasein angekommen ist. Auch in der Fortsetzung unserer Recherche möchten wir weiterhin die menschliche Fortbewegung hinterfragen, neu denken, neu verstehen.

Im Animal Flow geht man davon aus, dass das Erlernen und Praktizieren von vielfältigen, quadropedalen Bewegungsmustern der Schlüssel zu Vitalität und Wohlbefinden sei. Der Mensch, vom Vierfüssler abstammend, hat eine künstliche Umgebung kreiert ohne jeglichen Aufforderungscharakter, in der er weder klettern, springen, kriechen, hangeln oder überwinden muss. Dadurch vernachlässigen wir unsere Biomechanik und das, wofür unser Körper ursprünglich konzipiert wurde. Cameron Shayne, Begründer des Budokon Yoga, sagt, dass wir Menschen anatomisch gesehen immer noch im Entwicklungsprozess sind, in diesem Übergang vom Vierfüssler zum Homo erectus. Weil unser Becken und die Wirbelsäule sich anders ausrichten müssen für die aufrechte Haltung, sind alle beteiligten Muskeln und Faszien unter grossem Stress. Wenn wir eine Vierfüssler Haltung einnehmen und uns darin fortbewegen, kann sich vieles wieder entspannen und integrieren. Der Ober- und Unterkörper lernen, sich gegenseitig auszubalancieren (aus dem Englischen übersetzt aus Quadrupedal Animal Locomotion Documentary

Um also unsere angeborenen Bewegungsfähigkeiten und menschliche Bewegungsintelligenz wieder zu aktivieren und aus uns heraus zu kitzeln, bietet Animal Flow (auch Animal Movement oder Animal Walk) eine grosse, zum Teil lustige Übungsvielfalt, die in verschiedenen Sequenzen hintereinander durchführbar sind. Nur um eines klar zu stellen: Die Übungen sind sau – anstrengend!

Nadine und ich sind also fleissig durch Schnee, Eis und Schlamm gerobbt, gekrochen, gerollt und gehüpft. Die Überraschung kam, als wir das erste Mal nach langer Zeit wiedermal in ein richtiges Tanzstudio gingen und das Workout für diesen Blog filmen wollten. Die andere Logik vom im-Körper-Sein, die Liebe für den Tanz, die das Studio in uns erweckt! Es war wie ein Nach Hause kommen. Durch die Ausrichtung im Raum, Platzierung der Kamera, die helle Kleidung, um vom schwarzen Tanzboden abzuheben – sahen wir plötzlich nicht mehr nur Workout – Übungen, sondern Bewegungsmaterial, welches zu einem Stück Tanz führen könnte.

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#9 Alien out of water

Ein paar Tage nachdem wir „out of water“ am Beta Festival letzten Herbst gezeigt hatten (siehe #8 Out of water) erhielten Nadine und ich die Gelegenheit dasselbe Bewegungsmaterial in einer riesigen, leerstehenden Gewerbehalle auszuprobieren und zu filmen. Ursprünglich wollten wir dort performen, jedoch machte uns COVID19 einen Strich durch die Rechnung.

Im Hinblick auf die Wiederaufnahme unserer Recherche ab nächster Woche, habe ich auch dieses Filmmaterial zusammengeschnitten. Es ist das Bewegungsmaterial aus dem Stück „out of water“ – in einer komplett anderen Umgebung. Dadurch, dass es nicht mehr um den Blick des Publikums durch das Fenster in ein Quartier geht, kommt unsere Bewegungsrecherche, der Tanz, mehr zum Vorschein.

Hier geht’s zum Video:

#8 Out of water

Ab nächster Woche setze ich die Zusammenarbeit mit meiner Tanzpartnerin Nadine Lüthi fort, mit der ich am BeTa Stage Festival im letzten Herbst aufgetreten bin. Dies ist der Anlass, dass ich mir endlich die Zeit genommen habe, unsere Aufnahmen von der Performance zu ordnen und einen Zusammenschnitt zu machen.

Out of water war ein Auszug einer Recherche von uns beiden, in der wir eine fluide, Bewegungssprache basierend auf der Schwerkraft erforschten. Wir interessierten uns für den Akt des Gehens, Stehens und Strauchelns. Dabei gaben wir uns die Aufgabe, dass der Unter – und Oberkörper unterschiedliche, widersprüchliche Aufgaben haben und doch durch eine weiche, wellende Wirbelsäule verbunden sind.

„Aus dem Wasser geboren – landet der Mensch in der Vertikale auf dem Boden der Welt. Selbst nach x Tausend Jahren ist er der Vertikalität nicht gewachsen und muss neu lernen, auf der Erde zu wandeln, die sich gleichzeitig erwärmt und unter seinen Füssen vertrocknet.

Die Zuschauer sitzen im Gewerberaum des Prozess und betrachten durch die Glasscheiben das Geschehen im Aussenraum. Dort befinden sich zwei Performerinnen. Als wären sie letzte Überlebende einer dystopischen Zukunft. Was ihnen noch bleibt, ist ihr Körper. Der Akt des Gehens wird zu einem fluiden Spiel, zu einem Akt des Widerstands. Schritt für Schritt stolpern sie einer ungewissen Zukunft entgegen.“

Gleichzeitig fand im Inneren des Raumes ein Live Konzert statt mit experimentell-elektronischer Musik von Pascal Lüthi. Die Performance stand in Kontrast zur gleichzeitig stattfindenden Normalität des Alltags in dem Quartier. Die Zufälligkeiten und Störungen waren Teil der Performance und erlaubten dem Zuschauer eine neu zusammengesetzte Perspektive auf die Alltagswirklichkeit dieses typisch schweizerischen Quartiers.

Das Video ist zur Zeit noch in Bearbeitung für den Sound und wird in ein paar Tagen hier verlinkt sein.

#7 Blaupause

Letzten Donnerstag haben wir die Raster Projektion ruhen lassen und eine neue ausprobiert: eine Zahlenmatrix Projektion. In kurzer Zeit haben wir erstaunlich viele Aufnahmen gemacht, da uns die Bilder sofort faszinierten. Unsere lebenden und fühlenden Körper bildeten einen krassen Kontrast zu der abstrakten Anordnung von Zahlenwerten, die an uns hinab wanderten. Joana hat ein Video dazu geschnitten:

Chris Lechner, Tänzer und Choreograph – mein Mann – fand das Video ebenso aufregend wie ich und ich fragte ihn, was er darin sieht. Er sagte ungefähr folgendes: 

Wir haben uns wohl alle im Film Matrix in den grünen Matrix Regen verliebt – diesen Kontrast von Zahlen und Codes und deren hypnotisierende Bewegung in Perlen, Regen, Strömen. Analog dazu setzen wir Tänzer_innen dem mechanistischen Verständnis des Körpers, in dem alles fest und gesetzt ist entgegen, dass das Leben, der Körper nichts als ein Strom von Bewegung ist. Alles ist immer voller Bewegungen. Für einen Moment sieht man sie, weil der Körper sie gezeichnet hat, sie aufgefangen hat. Selbst die scheinbare Stille des Körpers wird durch den Einsatz von Licht in etwas Morphendes, Flüchtiges verwandelt. Die Dunkelheit und die Projektion offerieren einen Filter, einen Aspekt, durch den man Bewegung, den Körper, sehen kann.

Auf den Begriff Blaupause stiess ich, als ich recherchierte zum Thema Matrix und Körper. In dem Zusammenhang bedeutet Blaupause so etwas wie unsere göttliche Matrix. Blaupause ist aber auch die deutsche Übersetzung für blueprint, was heute oft im Sinne von Vorlage / Entwurf/ Konzept verwendet wird. Der Begriff gefällt mir sehr und kommt auf meine Liste für coole Titel.

#6 Interviewed by Anicia

„Beim Tanz ist es oft so, dass die Leute wissen möchten, was es bedeutet hat. Was war das Narrative daran, die Bedeutungsebene? Ich liebe Formate, wo Leute aufgefordert sind, sich ihre eigene Bedeutung zusammenzustellen. Ich möchte ihnen nicht meine Imagination unter die Nase reiben, sondern sie sollen angeregt werden für ihre eigene Imagination. „
Dies ist ein Auszug aus dem Interview, welches Anicia Kohler kürzlich mit mir geführt hat im Effinger Coworking Space.

Anicia hat die Gabe, relevante Fragen zu stellen und so gut zuzuhören, dass ich mich im Gespräch mit ihr verstanden fühlte und gleichzeitig gefordert – auf die beste Art. Sie ist für mich auch auf vielen Ebenen inspirierend, sowohl als Persönlichkeit als auch als Künstlerin. Das Format ihrer wöchentlichen Vignetten war das erste von vielem, was mich bisher schon begeistert hat an ihr.

Hier kommt man zum gesamten Interview und zu der von ihr komponierten Vignette „Sunita’s Piece“, welches sie komponiert hat. Ausgangspunkt ihrer Komposition war eine kleine Aufnahme von meinem Gesang, den ich ihr geschickt hatte:

https://www.aniciakohler.ch/2020/12/10/26-sunita-s-piece/

#5 Digital Twin / Part 2

Letzte Woche haben Joana und ich tagsüber weiter gearbeitet an den acht Bewegungsqualitäten von Laban (siehe #3 five movements) und wir haben erste Aufnahmen gemacht für das gemeinsame Thema des „Kunstzmittag“ (siehe #4 kunst im coworking)  von nächster Woche.

Nachts haben wir mit der Projektion weitergearbeitet. Wir haben eine neue Einstellung gefunden, die mich fasziniert. Die Projektion ist nun nur noch auf dem Körper sichtbar, der Raum bleibt im Dunklen. Ich kann wählen, was ich als Performerin von mir zeige, welchen Aspekt der Bewegung ich enthülle, welchen ich verberge. Es ist eine Installation von Licht und Körper in einer Art Blackbox. Wenn das Deckenlicht angeht, und Joana’s ganzer Körper und ihre gesamte Bewegung für einen kurzen Augenblick sichtbar wird, wird im nächsten Moment der Dunkelheit klar, was die Projektion mir als Zuschauerin aufzeigt über die Bewegung. Oder was mir verborgen bleibt, wenn ich „alles“ sehe.

Beim Zusammenschneiden der Aufnahmen fällt mir auf, dass das Video nun keine geradlinige Fortsetzung des “digitalen Zwillings” ist, wie vielleicht erhofft. Wir sind immer noch in der Phase von “Material sammeln”, und das Thema wohl eher am um – und einkreisen. Und das ist auch richtig so. Sonst sind wir irgendwann ein langweiliges Drehbuch am schreiben, in dem das Material zu früh einer Idee untergeordnet wird.

Übrigens: Auf der Suche nach einem Song für meinen digitalen Zwilling habe ich erstens den Song “creep” von Radiohead und zweitens die Möglichkeiten von künstlichen Stimmen durch Auto-Tune wiederentdeckt. Nun spiele ich seit einigen Tagen ganz verzückt mit der App Voloco rum und singe die abartigsten Versionen von “creep”. Vielleicht erfülle ich mir ja bald einen lang – lang – langjährigen Traum von mir: Den Soundtrack zu einem Tanzstück von mir selber erstellen….

Hier ein paar Bilder von Joana zu unserer Recherche:

#4 Kunst im Coworking

Seit Ende Oktober treffe ich mich mit vier anderen Künstlerinnen alle zwei Wochen zu einem interdisziplinären Austausch über den Mittag, aufgrund der momentanen Lage remote bzw. in einer Videokonferenz. Wir hoffen jedoch, dass wir diese Austauschrunde nächstes Jahr öffnen können für andere Interessierte und in dem Rahmen auch kleine Performances und Ausstellungen mit „work in progress“ stattfinden werden.

Die anderen vier Künstlerinnen sind: Anicia Kohler (Musikerin, Texterin), Isabel Jakob (bildende Künstlerin), Sarah Hinni (bildende Künstlerin, Fotografin) und Joana Hermes, Studentin zeitgenössischer Tanz an der ZHdK (Praktikantin bei mir). Wir sprechen über das, was uns zur Zeit beschäftigt, zeigen einander, woran wir gearbeitet haben und stellen uns gegenseitig ganz viele Fragen.

Der Austausch und die Reflektion, die dadurch über das eigene Arbeiten geschieht, ist für mich deshalb so spannend, weil wir fünf Frauen so unterschiedlich arbeiten und ticken. Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich die Disziplinen, unsere Vorgehensweisen, Motivationen innerhalb der Kunst sein können. Ich empfinde dieses Kennenlernen der kreativen Prozesse der anderen als sehr horizontöffnend. Kennen tun wir uns übrigens über den Effinger Kaffeebar & Coworking Space. Dort findet ihr auch den soeben erschienen Blog von Anicia über unser Projekt.

Wir schreiben regelmässig über unseren Austauschs im Blog auf der kürzlich entstandenen Website www.kunstimcoworking.ch.

Letztes Mal habe ich berichtet: https://www.kunstimcoworking.ch/kunstzmittag-3/.

#3 Digital Twin / Part 1

Seit bereits vier Wochen recherchieren Joana und ich zusammen an dem Thema Projektion und Bewegung – und es gibt noch unendlich vieles zu entdecken. Wer die vorigen Beiträge noch nicht gelesen hat: Joana Hermes absolviert bis Ende Jahr ein Praktikum bei mir für ihr Studium an der ZHdK.

5 Bewegungen – Joana Hermes

Wir arbeiten an einer kurzen Choreografie (Phrase), dazu nutzen wir weiterhin die Projektion mit Raster. Die Phrase besteht aus 5 Bewegungen, die einen Loop bilden. Es gibt unendliche Möglichkeiten, wie eine Phrase verändert werden kann, dabei aber immer vom «Original» ausgeht. Um die Phrase zu variieren, spielen wir eigentlich «nur» mit Zeit, Raum und Energie. Wir entwickeln indem wir verbinden, kombinieren, entwickeln, beobachten, konfrontieren und daraus eine Bilanz ziehen.

Diese Vorgehensweise haben wir bereits angewendet: Tempo/Geschwindigkeit der Bewegung, schmale oder breite Positionen, grosse und kleine Armbewegungen, Pausen, Repetitionen, Akkumulation, positionell versus Fortbewegen. Weiterhin haben wir versucht, die “eight efforts” von Rudolf Laban auf die Phrase anzuwenden:

Wring – Press – Flick – Dab – Glide – Float – Punch – Slash.

Bilder von Joana Hermes

Wir legen diese Veränderungen allerdings nicht fest. Konkret bedeutet das: Wenn sich eine von uns für eine Variation der nächsten Bewegung entschließt, spricht sie dies laut aus. Dafür haben wir Wörter festgelegt. Da wir im Voraus nicht wissen wie die nächste Bewegung ausgeführt wird, befinden wir uns in einem wachen und aufmerksamen Zustand. Wir müssen konstant bereit sein, spontan die Richtung, die Position oder das Tempo zu wechseln. Für mich bedeutet das, dass ich mich darauf konzentriere meine Körperachse und meinen Schwerpunkt in der größtmöglichen Flexibilität zu bewegen und nach Innen sowie nach Außen bestmöglichst wahrnehme, damit ich spontan reagieren und die Bewegungsaufgaben unmittelbar ausführen kann.

Die Schwierigkeit ist, dabei im Duo immer synchron zu bleiben. So, als seien wir ein einziger Körper oder ein Körper und sein Schatten. Wenn sich unsere Wirbelsäulen «zusammen» bewegen und wir gleichzeitig das Gewicht verlagern, bleiben wir synchron. Wir haben festgestellt, dass das Bild stärker ist je näher wir zusammenstehen. Sobald wir zu weit auseinander sind oder uns nicht mehr gleichzeitig bewegen, ist die Phrase weniger faszinierend.

Als Abschluss ein inspirierendes Zitat der Tänzerin, Choreografin und Pädagogin Jaqueline Robinson: «Die wichtigste Kompositionsmethode ist in der Tat die Entwicklung, die potentiell alle anderen einschließt, in dem Sinne, dass jede Methode nichts anderes tut, als die ursprüngliche Idee zu entwickeln, um eine Situation entstehen zu lassen».

Digitaler Zwilling – Sunita Asnani

Um genügend Dunkelheit zu haben für die Projektion, haben wir unsere Probezeiten so verschoben, dass wir einmal pro Woche erst ab 20.00 Uhr ins Studio gehen. Es ist eine ganz eigenartige Erfahrung in der Dunkelheit der Winternacht in dieser Lichtprojektion zu tanzen. Es fühlt sich an wie eine Parallelwelt, die wir betreten, sobald das Licht ausgeht.

 Mich erinnert das Gefühl irgendwie an Nächte, in denen ich mich im Internet verliere. Es gibt diese zwei gleichzeitigen Realitäten: eine ganz intime, in der ich in der Stille der Nacht in der Küche sitze, der Kühlschrank surrt leise hinter mir, atmend und fühlend schaue ich in den Bildschirm, und da ist die Welt hinter dem Bildschirm. Die Realität scheint zweigeteilt wenn nicht sogar mehrfach – geteilt…

Das projizierte Raster erscheint mir immer mehr wie ein Sinnbild für die digitale Welt. Das Netz, durch das wir gleiten, schlüpfen, oder in dem wir hängenbleiben. Ich beginne ein paar Texte zum Körper in der digitalen Welt zu überfliegen und stolpere über den Begriff “digitaler Zwilling” – der mir irgendwie ganz passend erscheint zu der Arbeit, die hier entstehen könnte. Ein digitaler Zwilling repräsentiert ein reales Objekt in der digitalen Welt. Es kann sich um materielle oder immaterielle Objekte handeln. Sie werden für Simulationen und komplexe Analysen eingesetzt. 

Folgender Satz bleibt hängen:

“Von allen Seiten kreist die Technik den materiellen Körper ein, der in ihrem übermächtigen Angesicht erblasst, langsam transparent wird, um sich scheinbar ganz aufzulösen.” – Jörg Müller, aus  “Virtuelle Körper”.

Bild von Joana Hermes

#2 Projectory

Die letzten zwei Wochen hatte ich die grosse Freude, mit Joana Hermes zusammen zu arbeiten und die Recherche mit Bewegung und Projektion fortzuführen. Joana ist Studentin an der ZHDK und studiert dort zeitgenössischen Tanz. Sie ist in ihrem dritten Studienjahr und absolviert für ihr Studium zurZeit ein Praktikum bei mir. 

Raster und StreifenBilder und Text von Joana Hermes


Wir arbeiten mit zwei Projektionen: Raster und Streifen. Unser Ziel für die Rasterprojektion ist, die Linien zu einem welligen Bewegen zu bringen, wir nennen es den Schwimmbad-Effekt. Es geht also primär nicht nur um die Bewegung selbst, sondern darum was die Bewegung mit oder in der Projektion auslöst. Ich denke, die Bewegungen, die ohne Projektion gut funktionieren, lösen in den Mustern nichts aus. Das gibt mir ein ganz anderes Gefühl beim Improvisieren, weil ich mir vorstelle, wie mein Tanz in dieser chiffrierten Form von aussen aussieht. Normalerweise improvisiere ich, ohne dabei viel nachzudenken. Deshalb ist es für mich sehr spannend unter diesen Umständen zu Improvisieren. Der Winkel des Projektors und die Platzierung unserer Körper müssen exakt sein, damit der Schwimmbadeffekt entsteht. Im falschen Winkel oder Abstand bilden sich die gewünschten Effekte nicht so richtig. Wir haben herausgefunden das der Schwimmbad-Effekt vor allem bei runden, leicht diagonalen und langsamen Bewegungen erfolgt. Bei den Streifen ist das Gegenteil fällig. Es funktionieren hauptsächlich Pausen, lineare Bewegungen und das Spielen mit dem Frame. Ich freue mich auf alle weiteren Researchs und was wir dabei herausfinden werden!

….und hier noch ein paar Gedanken von mir:

Ich sehe mich meistens nicht, wenn ich mich bewege. Das Video ist deshalb oft das einzige Feedback das ich habe zu meinem Material. Das Video verändert jedoch das Material bereits. Es macht es z.B. flacher (zweidimensional) und eingerahmter. Oft schaue ich mir die Aufnahmen deshalb mit Musik an. Mit der richtigen Musik kommt wieder mehr Raum, mehr Tiefe hinein, und ich sehe wieder, was ich von meinem Material möchte. Ich erhalte eine Ahnung von der Identität dieses “Stücks”. Eine solche Ahnung bescherte mir die Vignette #21 In A State der wunderbaren Komponistin und Pianistin Anicia Kohler , welche perfekt zu unseren Improvisationen im 2. Video zusammenpasst.

Eine grundlegende Entscheidung, die wir immer wieder fällen müssen diese Tage: Geht es jetzt darum, dass wir ein cooles Video drehen, oder geht es darum, fest zu halten, wie wir es gerne live zeigen würden. Wenn es um das Medium Video geht, würde man ja anders filmen. Vielmehr bewegte Kamera, Nahaufnahmen etc. Da ich mich zurZeit mehr für die Entwicklung einer Live Performance interessiere, sind die Aufnahmen als Dokumentation davon zu verstehen.